10.08.2018: Der Fall Röder – Chronologie eines Historikerstreits

Der Fall Röder – Chronologie eines Historikerstreits

Seit 2003 streiten die Historiker im Saarland um die frühen Karrierejahre des späteren Ministerpräsidenten Franz-Josef Röder: Wie nahe stand der spätere CDU-Politiker der Nazi-Ideologie zwischen 1933 und 1945? Was genau wirft man ihm vor? Was sagen Röder-Kritiker und -Verteidiger? Für SR 2 KulturRadio fasst Sally-Charell Delin den Historikerstreit chronologisch zusammen.

Alles beginnt im Jahr 2003: Der Historiker und Journalist Erich Später veröffentlicht in den Saarbrücker Heften einen Artikel, der auf diverse nationalsozialistische Mitgliedschaften des langjährigen saarländischen Ministerpräsidenten Franz Josef Röder hinweist. Eine bisher wenig diskutierte Tatsache – und auch diesmal bleibt die vom Autor erwartete Reaktion aus.

Zehn Jahre später, im April 2013, setzt sich Landesarchivar Peter Wettmann-Jungblut, in der Zeitschrift „Saargeschichten“ mit der NS-Vergangenheit Franz-Josef Röders auseinander. Darin wertet er unter anderem einzelne Dokumente aus dem Kultusministerium aus, die aus Röders nicht mehr erhaltener Entnazifizierungsakte stammen. Darunter auch ein dreiseitiges, von Röder selbst verfasstes Schreiben, in dem er die Mitgliedschaft in diversen NS-Organisationen einräumt.

Ein weiterer Journalist, Julian Bernstein, meldet sich zu Wort und veröffentlicht im Sommer 2014 in den Saarbrücker Heften eine Antwort auf Wettmann-Jungbluts Artikel: „Das lang überfällige Brechen des Schweigens wäre eigentlich zu begrüßen“, schreibt er, und weiter: „erinnerte sein Aufsatz nicht streckenweise an Verharmlosungsstrategien der fünfziger und sechziger Jahre“. Diese beiden Texte formen den Beginn der von nun an stattfindenden, öffentlich geführten Debatte.

8. Juni 2016: Die vier Hauptakteure des Streits – Erich Später und Julian Bernstein auf der einen Seite, Peter Wettmann-Jungblut und der Saarbrücker Stadtarchivar Hans-Christian Herrmann, der zu dem damaligen Zeitpunkten an einer Röder-Biographie arbeitet, die inzwischen erschienen ist, auf der anderen Seite – bestreiten eine Podiumsdiskussion im Saarbrücker Schloss. Doch diese öffentlich geführte Diskussion bringt kaum Annäherung – die Fronten bleiben verhärtet.

Neben Teilen der Entnazifizierungsakte streiten sich die Parteien auch um einen Aufsatz, den Röder ein halbes Jahr nach dem deutschen Einmarsch in die Niederlande veröffentlicht hat. Der Text erschien zunächst 1940 in der „Deutschen Zeitung in den Niederlanden“ und stellt eine Rede des niederländischen Nationalhelden Philips van Marnix aus dem Jahr 1578 in den Mittelpunkt, in der Marnix das „Heilige Römische Reich deutscher Nation“ um Hilfe gegen die Spanier bittet. Der Text erschien außerdem als Broschüre und im Sammelband „Niederlandbuch“. Während Wettmann-Jungblut diesen Aufsatz als „neutrales Dokument“ und „eher als Lückenfüller“ beschreibt, sieht Bernstein in Röder „einen der ersten Propagandisten dieses NS-Mythos in den Niederlanden“. Er wirft Wettmann-Jungblut „gravierende Manipulationen und bewusstes Irreführen“ vor, andersrum beschuldigt auch Wettmann-Jungblut die Gegenseite Zitat „schlichtweg falscher Behauptungen und fehlender oder schlampiger Recherchen“. Die beiden Seiten streiten auch um weitere, nicht eindeutig interpretierbare Quellen.

Immer mehr Organisationen und Personen beziehen öffentlich Stellung. Während sich die Kommission für Saarländische Landesgeschichte auf die Seite von Wettmann-Jungblut und des Saarbrücker Stadtarchivars und Röder-Biographen Herrmann stellt, äußert sich auch ein Historiker außerhalb des Saarlandes, Johannes Koll, zu dem Fall. Seine Dissertation war von Herrmann als Beleg dafür genutzt worden, dass Röder in der niederländischen NS-Politik keine Rolle spielte. So könne man Röder nicht entlasten, sagt Koll. Außerdem sehe er in dem ehemaligen Ministerpräsidenten „einen jener Parteigenossen, die sich freiwillig und engagiert in die nationalsozialistische Besatzungspolitik eingebracht haben“.

Im Mai dieses Jahres wird Julian Bernstein für einen Text zum Thema Röder mit dem „Alternativen Medienpreis“ in der Kategorie Geschichte von der Nürnberger Medienakademie ausgezeichnet.

Röder als Ministerpräsident

Am 30. April 1959 wurde der CDU-Politiker Franz Josef Röder zum dritten Ministerpräsidenten des Bundeslandes Saarland. In seiner 20-jährigen Amtszeit integrierte er das Saarland in das politische und wirtschaftliche Gefüge Deutschlands. So beendete eine umfangreiche Gesetzgebung auf allen Gebieten die Sonderentwicklung, die sich aus französischen Einflüssen im saarländischen Recht ergaben. In Röders Regierungszeit fiel ab er auch die Kohlekrise. Erste Gruben wurden geschlossen. Röder starb am 26. Juni 1979. Einen Tag zuvor hatte er angekündigt, 1980 nicht mehr kandidieren zu wollen.

Lebensdaten von Franz-Josef Röder:
Geboren: 22. Juli 1909, Merzig
Gestorben: 26. Juni 1979, Saarbrücken

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